»Araber sind auch Semiten.«

Araber sind auch Semiten.

Die Feststellung, Araber könnten nicht antisemitisch sein, da es sich bei ihnen schließlich selbst um »Semiten« handle, wird in Diskussionen immer wieder aus dem Hut gezaubert. Doch ständige Wiederholung steigert nicht den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung.

Zunächst einmal ist es sowieso völlig egal, wer oder was jemand ist. Wenn eine Aussage antisemitisch ist, dann bleibt sie das, egal wer sie geäußert hat. Außerdem bezeichnet der Begriff »Antisemitismus« nun schon seit mehr als 100 Jahren die Ablehnung alles Jüdischen, auch wenn noch so oft behauptet wird, dass das Wort ja eigentlich etwas ganz anderes bezeichnet. Begriffe haben eben manchmal eine andere Bedeutung, als das Wort vermuten lässt. Wer also glaubt, Antisemitismus beziehe sich nur auf »Semiten«, der glaubt vermutlich auch, dass eine Schildkröte eine Kröte ist und ein Zitronenfalter Zitronen faltet.

Wahrscheinlich verwendest du den Begriff »Semiten« aber auch einfach völlig falsch. Wer in Deutschland von »Semiten« spricht, der meint meist eine unbewusste Vorstellung in seinem Hinterkopf, die vage an die völkische Bewegung des 19. Jahrhunderts erinnert. Außerhalb linguistischer Fachgespräche – »semitisch« ist eine Kategorie der Sprachwissenschaften – macht der Verweis auf »Semiten« genauso wenig Sinn, wie von »Ariern« zu sprechen.

Jetzt mal in Ruhe…

Auch wenn es sich erst ein wenig widersprüchlich anhört: Antisemitismus hat mit »Semiten« kaum etwas zu tun. Zwar war in der Bibel schon die Rede von »Semiten«, im zeitgenössischen Diskurs wurde diese Bezeichnung allerdings erst wieder im ausgehenden 18. Jahrhundert verwendet, vom Historiker und Sprachwissenschaftler August Ludwig von Schlözer. Zunächst wurde der Begriff nur als Beschreibung verwendet – »semitisch«. Damit wurde eine bestimmte Sprachfamilie bezeichnet. Erst im darauffolgenden Jahrhundert wurde , im Zuge rassenideologischer Vorstellungen, aus dem Adjektiv »semitisch« das völkische Substantiv »Semiten« gemacht – als Gegenstück zum Arier-Mythos.1

Der Begriff »Antisemitismus« entstand einhundert Jahre später, im Umfeld des Journalisten Wilhelm Marr. Herr Marr suchte nicht etwa nach einer Bezeichnung für andere, sondern nach einer Bezeichnung für sich selbst, wie der Name der von ihm gegründeten »Antisemitenliga« eindrucksvoll beweist. Die seit Jahrhunderten existierende Judenfeindlichkeit hatte sich in der Zeit der Aufklärung von ihren religiösen Argumentationsmustern weitestgehend befreit und hat sich zu einer modernen, säkularen Spielart gewandelt.2 Mit dem Begriff »Antisemitismus« stand sofort ein Name für dieses Novum zur Verfügung. Diesem Namen wurde ganz bewusst der Anschein der neutralen Wissenschaftlichkeit geben, indem man ihn mit dem Begriff »Semiten« schmückte, auch wenn dieser Begriff nun plötzlich allein auf Jüdinnen und Juden eingeengt wurde.

Letztlich bauen solche Tricksereien auf der Annahme auf, dass bestimmte Vorurteile nicht von jenen vertreten und verbreitet werden können, die selbst davon betroffen sind. Auch wenn dieser Gedanke zunächst durchaus nachvollziehbar erscheinen mag, so ist er in der Realität nicht haltbar. Selbstverständlich können sich auch Jüdinnen und Juden antisemitisch äußern.

Erst vor wenigen Jahren gab es beispielsweise in Deutschland einen Prozess gegen den Journalisten Henryk Broder, der dem Verleger Abi Melzer Antisemitismus vorwarf. Zurecht, wie das Gericht bestätigte.3 Genau diese Jüdinnen und Juden sind es, die gerne als Kronzeugen für den eigenen Antisemitismus angeführt werden. Bereits vor beinahe 100 Jahren stellte Kurt Tucholsky polemisch fest, Jüdinnen und Juden hätten »viel bessere und schlagendere Dinge gegen das Judentum anführen, als alle deutschnationalen Vollbärte zusammen.«4

Der Verweis auf das Wort »Semit« ist eine beliebte Taktik um von real existierendem Antisemitismus abzulenken. Dabei wird ignoriert, dass Begriffe keine »eigentliche« Bedeutung haben. Begriffe wachsen historisch und entwickeln sich in einem spezifischen sozialen Kontext. Die verklärte Forderung, man solle doch einfach die Worte für sich selbst sprechen lassen, stellt eine Verzerrung gesellschaftlicher und sprachlicher Realität dar.5

  1. Poliakov, L. (1993). Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus. Hamburg, Junius.

  2. Bergmann, W. (2002). Geschichte des Antisemitismus. München, Beck.

  3. Feuerherdt, A. (2007). Henryk M. Broder – Den Adolf gemacht. In: Tagesspiegel, 9.11.2007.

  4. Tucholsky, K. (1921). Hepp hepp hurra!. In: Textlog.

  5. Adorno, T. W. (1964). Jargon der Eigentlichkeit: zur deutschen Ideologie. Frankfurt am Main, Suhrkamp.