»Es muss auch mal Schluss sein.«

Es muss auch mal Schluss sein.

Der Wunsch nach einem Schlussstrich wird schon seit mehr als einem halben Jahrhundert artikuliert. Sprüche wie »Wir haben lange genug gezahlt!« oder »Ich bin nach 1945 geboren, ich schulde der Welt einen Scheiß!« gehören natürlich auch heute noch zum Standardrepertoire der deutschen Vergangenheitsbewältigung.

Aber du kannst dich entspannen: Niemand hat gesagt, du wärst Schuld an Auschwitz. Die Zahl der heute noch lebenden Täterinnen und Täter wird immer geringer. Bei den Nachgeborenen geht es keineswegs um Schuld, sondern vielmehr um die historische Verantwortung einer Gesellschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn dir Geschichtsunterricht, Mahnmale oder Gedenktage tatsächlich so sehr auf die Nerven gehen, dann sagt das viel über dich und dein Bedürfnis nach Verdrängung aus.

Die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeiter betrug übrigens ca. 2.500 bis 7.500 Euro pro Person. Ein in Anbetracht des Horrors eher symbolischer Betrag, der das Gerede über die angeblichen Riesensummen als zynische Lüge entlarvt.

Jetzt mal in Ruhe…

Wer bestimmt eigentlich, wann über ein Verbrechen nicht mehr gesprochen werden muss? Wie bereits gesagt, kann heute kaum noch von persönlicher Schuld gesprochen werden, da die allermeisten Täterinnen und Täter bereits verstorben sind. Dennoch handelt es sich bei der deutschen Gesellschaft größtenteils um direkte Nachfahren der Tätergeneration. Wenn nun laut Umfragen 81 Prozent der befragten Deutschen die Geschichte des Holocaust hinter sich lassen möchten, im Gegensatz dazu aber nur 22 Prozent der Israelis diese Ansicht vertreten1, dann zeigt sich hier eine zynische Diskrepanz.

Eine Forderung nach einem solchen Schlussstrich ist ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden, der Opfer, und ihrer Nachfahren. Sie mündet nicht selten in einem sekundären Antisemitismus, einer Art der Schuldabwehr also, die nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz existiert. Das kollektiv vorgetragene Mantra, man habe mit der ganzen Angelegenheit doch überhaupt nichts zu tun, ist eine notwendige Illusion des deutschen Nationalstolzes. Der nimmt zwar gerne Goethe und deutsche Ingenieurskunst für sich in Anspruch, möchte aber von Auschwitz nichts mehr hören. Es ist ein Beitrag zum Versuch einer »Wiedergutwerdung der Deutschen«, wie es der Publizist Eike Geisel einst ausdrückte.2

Nicht selten steht dabei die Forderung, zum Holocaust zu schweigen, unmittelbar neben der Forderung, sich endlich wieder mehr auf das eigene Leid zu konzentrieren (siehe: »Die Deutschen haben ja auch gelitten«). Der Sozialpsychologe Harald Welzer spricht hier von einer »Re-Viktimisierung« der Deutschen, also einer Wiederherstellung des Opferzustandes, die vor allem im privaten Rahmen stattfindet.3

 

  1. Hagemann, S. und Nathanson, R. (2015). Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.

  2. Geisel, E. (1984). Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Berlin, Edition Tiamat

  3. Welzer, H. (2005). Nervtötende Erzählungen. In. Frankfurter Rundschau, 7.5.2005.