»Kindermörder Israel!«

Kindermörder Israel!

Du hast ja Recht, »Denk doch endlich mal jemand an die Kinder« zieht eigentlich immer! Kein Wunder also, dass die Behauptung, Israel ermorde absichtlich Kinder, eine beliebte Taktik zur Delegitimierung des jüdischen Staates ist: Wer systematisch Kinder ermordet, hat sein Existenzrecht verwirkt. Klar.

Vielleicht ist dir dabei ja auch gar nicht bewusst, dass du hiermit eine Geschichte wieder aufwärmst, die fast 900 Jahre alt ist. Nämlich das Gerücht, Jüdinnen und Juden hätten einen kaum zu stillenden Durst nach Kinderblut. Damals wurde behauptet, der Lebenssaft junger Christen werde zum Backen von Matze verwendet. Heute wird dem jüdischen Staat Israel unterstellt, mit Absicht und Genugtuung das Blut arabischer Kinder zu vergießen. Die 2.0-Version einer alten Verdächtigung. Die tritt heute beispielsweise in Form der Parole »Kindermörder Israel!« in Erscheinung, oder im Posten verstörender Fotos von verletzten oder gar getöteten Kinder. Bei nicht wenigen der im Internet kursierenden Bilder handelt es sich übrigens um Fälschungen. Häufig sind es Fotos, die aus ganz anderen Konfliktherden der Welt stammen. Aber diese anderen Konflikte interessieren dich ja wahrscheinlich ohnehin nicht.

Jetzt mal in Ruhe…

Wer mit toten Kindern argumentiert, möchte die Diskussion absichtlich auf einer emotionalen Ebene führen. Nicht auf einer rationalen. Niemand kann sich der Kraft der Gefühle entziehen, die durch Bilder oder Erzählungen von Kinderleichen ausgelöst werden. Kinder sind unschuldig. Kinder sollten spielen, lernen, lachen. Sie sollten leben! Ganz klar: Wer das Leben von Kindern nicht wertschätzt, muss ein unmenschlicher Barbar sein.

Dass dies allgemein so gesehen wird, wissen natürlich auch Organisationen wie die Hamas. Deshalb nutzen sie entsprechende Bilder, Erzählungen und Zahlen regelmäßig zur Stimmungsmache gegen Israel.1 Sie können darauf setzen, dass getötete Kinder ein wirksames Mittel sind um sachliche Diskussionen bis zur Unmöglichkeit zu erschweren. Durch eine Stimmung blinder Empörung und moralischer Entrüstung sind differenzierte Fragen nicht mehr möglich sind.

Es ist eine zynische Dynamik, die hier auf Kosten von Kindern und anderen Zivilisten entsteht. Durch die Emotionalität der Debatte werden für die palästinensische Führung keinerlei Anreize geschaffen ihre Zivilbevölkerung effektiv zu schützen. Es werden Abschussrampen, von denen Raketen auf Israel abgefeuert werden, mitten in dicht besiedelten Wohngebieten errichtet. Damit wird in Kauf genommen, dass entsprechende Gegenschläge der IDF eine unnötig große Zahl ziviler Opfer fordern werden. Es gibt sogar immer wieder sehr konkrete Hinweise darauf, dass Politiker der Hamas an die Zivilbevölkerung appellieren, umkämpfte Areale nicht zu verlassen. Sondern stattdessen sollen sie als menschliche Schutzschilde zu dienen – auch wenn die israelischen Streitkräfte die Zivilisten ihrerseits dazu auffordern, ihre Häuser zu verlassen.2

  1. Stotsky, S. (2014). How Hamas Wields Gaza’s Casualties as Propaganda. In: TIME, 29.7.2014.

  2. Hamas will Gaza-Bewohner als Schutzschilde nutzen. In: Zeit, 10.7.2014 und Yaron, G. (2014). Ein Handbuch für menschliche Schutzschilde. In: Die Welt, 7.8.2014.