»Man darf ja nichts sagen, sonst ist man gleich ein Antisemit.«

Man darf ja nichts sagen, sonst ist man gleich ein Antisemit.

Es ist eine beliebte rhetorische Figur, sich als Opfer und kritischen Geist zu gerieren, dem das Wort verboten werden soll. Aber es ist eben nur ein Trick, zum Beispiel wenn es um Israel geht. Die Ansicht, man könne Israel nicht kritisieren, ohne als Antisemit bezeichnet zu werden, ist schlichtweg falsch. Israel wird oft und viel kritisiert, in Tageszeitungen, am Stammtisch, in der Universität, im Internet. In Anbetracht der Regelmäßigkeit, mit der Kritik an der israelischen Politik geäußert wird, kann von einem Tabubruch nicht gesprochen werden. In vielen Fällen handelt es sich ohnehin nicht um Kritik, sondern um den Versuch Israel zu diffamieren. Der Schuldige steht schon von Anfang an fest. Und es ist genau diese Unterscheidung zwischen Kritik und Antisemitismus, die maßgeblich ist. Wenn es dir also darum geht, Israel als Bedrohung und Aggressor darzustellen, unabhängig vom realen Geschehen, wenn dir Weltpolitik eigentlich scheißegal ist, Israel aber nunmal wirklich ein Hundesohn ist, wenn du möchtest, dass der Staat Israel abgeschafft werden soll, weil er unrechtmäßig sei, dann ist deine Motivation antisemitisch.

Also bitte, opfer hier nicht so rum. Danke.

Jetzt mal in Ruhe…

Die Frage, wann Äußerungen zum Nahost-Konflikt oder zu Israel antisemitisch sind oder nicht, wird in regelmäßig wiederkehrenden Debatten häufig und oft verbissen diskutiert. Dabei taucht immer wieder die Position auf, dass Kritik an Israel nicht per se antisemitisch sei. Israel müsse man doch kritisieren dürfen, wird im selben Atemzug geäußert. Auffällig ist dabei, dass niemand in diesen Debatten ernsthaft behauptet, Israelkritik sei immer antisemitisch. Für Samuel Salzborn1 sagt dieser präventive Abwehrreflex »mehr über den Sprecher und seine unbewussten Affekte aus […] als über den Inhalt«. Salzborn bezieht sich bei dieser Analyse auf Freud2, demzufolge eine solche Position auf unbewusste Affekte verweist, die gegen eine nicht existente Realität rebelliert. Wenn der Vorwurf artikuliert wird, bei einer Äußerung handele es sich um Antisemitismus, dann kann dieser Vorwurf durch den Austausch von Argumenten leicht entkräftet werden. Wird aber auf das Mittel zurückgegriffen, die eigenen Positionen vorbeugend gegen Antisemitismus absichern zu wollen, dann verweist dieses Vorgehen auf ein wahnhaftes Weltbild, in dem hinter jeder Ecke die Antisemitismuskeule halluziniert wird. In solchen Fällen handelt es sich dann in der Tat meist um antisemitische Positionen.

Prominente Beispiele für ein solches Vorgehen sind Günter Grass und Jakob Augstein. Grass stellte sich in dem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gedicht »was gesagt werden muss«3 als mutigen Verkünder einer Wahrheit dar, die niemand sich traue zu sagen, weil der Vorwurf des Antisemitismus allgegenwärtig sei. Günter Grass war ein Prototyp des hier beschriebenen wahnhaften Israelkritikers, der sich den Mund nicht verbieten lassen wollte und Jakob Augstein schloss mit seiner Lobeshymne auf das Gedicht nahtlos an Grass‘ Positionen an.4 Bei Augstein wird noch viel deutlicher, dass hinter seiner »Israelkritik« ein krudes verschwörungstheoretisches Weltbild steht, das den Staat Israel als Weltbrandstifter imaginiert und nach dem vermeintlich kritische Positionen von der jüdischen Allmacht unterdrückt werden würden.

Um nun den Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment erkennen zu können, hilft es sich die Arbeitsdefinition der Europäischen Union anzuschauen, die in der Antisemitismusforschung als Minimalkonsens angesehen wird. Dort gilt eine Aussage in Bezug auf Israel als antisemitisch, wenn dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abgestritten wird, wenn doppelte Standards angewendet werden, wenn Symbole und Bilder in Bezug auf Israel verwendet werden, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen, wenn die Politik der israelischen Regierung mit der Politik der Nationalsozialisten verglichen wird und/oder wenn alle Juden kollektiv für Handlung der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden.5 Nathan Sharansky hat diese Definiton auf den 3D-Test komprimiert: Delegitimation, Dämonisierung, Doppelstandards.6 Sind diese Dinge anzutreffen, dann handelt es sich nicht um Kritik, sondern um Antisemitismus.

  1. Salzborn, S. (2013): Israelkritik und Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung. In. Kirche und Israel, Neukirchener Theologische Zeitschrift, 28. Jahrgang, Heft 1/2013.

  2. Freud, S. (1999). Die Verneinung (1925). In. Ders. Gesammelte Werke Bd. XIV, Frankfurt, S. 11–15.

  3. Grass, G. (2012). Was gesagt werden muss. In. Süddeutsche Zeitung, 10.04.2012.

  4. Vgl. Küntzel, M. (2013): Jakob Augstein und der Israelkomplex. (06.08.2015)

  5. Siehe: European Forum on Antisemitismus. Working Definition of Antisemitism.

  6. Sharansky, N. (2005). 3D-Test of Antisemitism. Demonization, Double Standards, Deligitimization.